Endlich: Gedenktafel zur Erinnerung an das Zwangsarbeiterlager in der Wilhelmsaue 40 angebracht!

24.08.21 –

ein Beitrag von Jürgen Karwelat

Für manche Dinge muss man einen langen Atem haben! Dies gilt auch in der kommunalen Kulturpolitik. Die am 20. August 2021 eingeweihte Gedenktafel, die an das vom Bezirksamt Wilmersdorf im Zweiten Weltkrieg betriebene Zwangsarbeiterlager erinnert, ist ein Paradebeispiel dafür.

Der Historiker Dr. Michael Roeder hatte im Jahr 2014 Belege gefunden, dass das Wilmersdorfer Bezirksamt in der Wilhelmsaue 40 ein „städtisches Ausländerlager für Arbeitsleistungen im Verwaltungsinteresse“ betrieb. Ein Papier des damaligen Gesundheitsamtes des Bezirks führte für diesen Ort die Zahl von 18 Arbeitern auf, die verschiedene Nationalitäten hatten. Wie sich später herausstellte, kamen die meisten von ihnen aus Polen und Jugoslawien. Das Lager bestand spätestens ab Herbst 1942.

Im Februar 2015 fasste das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf den Beschluss, die bezirkliche Gedenktafelkommission zu bitten, sich mit der Angelegenheit zu  beschäftigen. Es folgten kurvenreiche, manchmal skurrile Diskussionen in der Gedenktafelkommission und auch dem bezirklichen Kulturausschuss über die Frage, ob die vorgelegten Dokumente belegen können, dass sich an der heutigen Adresse Wilhelmsaue 40 ein Zwangsarbeiterlager befand und vor allem, ob dieses Lager in der Verantwortung des Bezirks Wilmersdorf geführt wurde. Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hatte sich frühzeitig und intensiv für eine zügige Anbringung der Tafel eingesetzt. Zweifel an Ort und Charakter des Lagers wurden  vor allem von SPD und CDU vorgebracht, teilweise mit dem abwegigen Hinweis, dass das Zwangsarbeiterlager nicht im öffentlichen Adressverzeichnis aufgeführt sei. Die Geschichtsprofessoren Rürup und Benz  äußerten sich eindeutig. Erst eine glasklare Stellungnahme der Leiterin des Dokumentationszentrums NS Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, Frau Dr. Christine Glauning, veranlasste die Bezirksverordnetenversammlung  in ihrer Sitzung am 18. Mai 2017 zu einem sehr allgemeinen Beschluss zur Anbringung einer Gedenktafel. Der Kulturausschuss diskutierte erneut am 13. Juni 2017, allerdings mit einem verblüffenden Ergebnis. Ein von der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachter Kompromissantrag, der die genaue Adresse Wilhelmsaue 40 nannte, wurde während der Sitzung auf Initiative der SPD-Fraktion durch Streichung der “40“ verändert, da am Tag zuvor bei der Kulturstadträtin ein Schreiben von einem Bürger eingegangen sei, dass es ein Zwangsarbeiterlager in der Wilhelmsaue 43-46 gegeben habe. Dies nahm die SPD-Fraktion zum Anlass, den Standort Wilhelmsaue 40 erneut in Zweifel zu ziehen. Die „40“ wurde mit den Stimmen von SPD, CDU, FDP und AfD gegen den Protest von Bündnisgrünen und Linken gestrichen. Wegen der unverantwortlichen Verzögerungstaktik schritt im Dezember 2017 die Berliner Geschichtswerkstatt zur Selbsthilfe und brachte auf eigene Initiative eine provisorische Tafel in der Wilhelmsaue 40 an.

Drei weitere Jahre vergingen, in denen weitere Dokumente gefunden wurden, die sowohl den Ort als auch die Verantwortlichkeit des damaligen Bezirksamts belegten. Schließlich fand sich sogar ein Schriftstück im bezirkseigenen Archiv des Heimatmuseums. In der Telefonliste der Bezirksverwaltung, Stand Juli 1944, ist das Lager aufgeführt als „Ausländerlager Wilm. Wilhelmsaue 39/40“, aufgelistet zwischen Abrechnungs- und Auskunftsstellen, Baupolizei und Betriebskrankenkasse.

Dokument des Bezirks über das Zwangsarbeiterlager in der Wilhelmsaue

So stellte sich bei der Einweihung der offiziellen Tafel am 20. August 2021 die Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz der Tatsache, dass sich die kommunale Verwaltung im Zweiten Weltkrieg aktiv mit einem eigenen Lager an der Ausbeutung der Zwangsarbeiter beteiligt hat. Bei der Einweihungsfeier der Tafel erläuterte der Historiker Dr. Pagenstecher von der Berliner Geschichtswerkstatt, dass dieses nur eines von vielen Zwangsarbeiterlagern in Wilmersdorf war. Im Kriegsverlauf lebten in Wilmersdorf vermutlich über 25.000 Zwangsarbeiter*innen, etwa ein Fünftel der damaligen Bevölkerung, vor allem in den großen Lagern im Grunewald.

Als nächstes Projekt zur Erinnerung an die Zwangsarbeit im Bezirk wird in den nächsten Monaten vor dem Haus Wallenbergstraße 13 eine Stele aufgestellt. Dort befand sich im Zweiten Weltkrieg ein großes Zwangsarbeiterlager der Weser Flugzeugbau Gesellschaft. Für Charlottenburg wird noch ein entsprechender geeigneter Standort gesucht.

 

Der Text der Gedenktafel lautet:

An diesem Ort befand sich im Zweiten Weltkrieg ein vom Bezirksamt Wilmersdorf geleitetes Zwangsarbeiterlager.Über 50 Menschen aus Polen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, Frankreich und den Niederlanden waren hier untergebracht.Die Bezirksverwaltung Wilmersdorf setzte sie bei der Trümmerbeseitigung und anderen kommunalen Aufgaben ein. Zwangsarbeit war Teil der national-sozialistischen Kriegswirtschaft und im Berliner Alltag unübersehbar.

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